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Mit 29 Chef auf der Bank Wie Trainer-Neuling Christian Kaya die Bezirksliga verblüfft

Von Daniel Niebuhr | 09.11.2017, 12:15 Uhr

Trainer-Neuling Christian Kaya verblüfft die Bezirksliga und bringt den Tur Abdin ans Leistungslimit. Der 29-Jährige legt mit dem Club den zweitbesten Start seiner Bezirksliga-Geschichte hin – mit kreativen Methoden. Spielergespräche finden auch mal in der Bar statt.

So verschlafen, wie sich Christian Kaya an seinem Kaffeebecher festhielt, musste man sich um den SV Tur Abdin am Sonntagnachmittag ernsthaft Sorgen machen. Der Trainer beobachtete im Delmenhorster Stadion vom Grillstand aus, wie sich seine Fußballer auf das Bezirksligaspiel gegen den VfB Oldenburg II vorbereiteten und wirkte etwas übernächtigt – als Besitzer einer Shisha-Bar darf man ihm das allerdings verzeihen. „Der Kaffee musste jetzt sein“, sagte Kaya dann – und entschwand kurz darauf in die Kabine.

Dort fand er mal wieder die richtigen Worte – kurze Nacht hin oder her. Seine Spieler machten jedenfalls eines der ausgeschlafensten Spiele der Saison und verteidigten den unerwarteten dritten Platz mit einem 2:1 über starke Oldenburger, deren Trainer Marco Elia passenderweise feststellte: „Tur Abdin war einfach wacher.“

Sieben Siege in elf Spielen

Am Dienstag rutschten die Aramäer zwar durch den 2:1-Sieg von Frisia Wilhelmshaven über BW Bümmerstede auf Platz vier ab, ihr neuer Trainer bleibt aber ein absolutes Phänomen. 29 Jahre ist Kaya jung, bis zum Sommer hatte er noch nie eine Fußball-Mannschaft trainiert – und nun feiert er mit Tur Abdin einen Überraschungserfolg nach dem nächsten. Der Fast-Absteiger, der in der vergangenen Saison vier verschiedene Trainer hatte, hat sieben seiner elf Saisonspiele gewonnen und den zweitbesten Start seiner Bezirksliga-Geschichte hingelegt. Wenn Kaya darüber spricht, sieht er jedoch aus, als hätte er das alles schon erwartet. „Im Kader sehe ich viele gute Spieler. Es war mir klar, dass wir eine gute Rolle spielen können, ich wollte als Neuling aber nicht direkt große Töne spucken“, sagt er.

„Wir dachten uns: Warum nicht?“

Kaya weiß aber nur zu gut, dass Tur Abdin meistens mit einer Kapelle hochveranlagter Fußballer in die Saison ging, um sich dann weit unter Wert zu verkaufen. Dass ausgerechnet ein 29-jähriger Neueinsteiger die mit zehn Zugängen umgekrempelte Mannschaft ans Leistungslimit bringt, ist erstaunlich. Der Verein ging mit Kaya ins volle Risiko – und darf sich rundum bestätigt fühlen. „Wir hatten ja schon alles versucht. Jung und Alt, Aramäer und Deutsche. Junge Trainer sind ja gerade im Trend, deshalb dachten wir uns – warum nicht?“, erklärt Obmann Edib Özcan, der das Team regelmäßig beim Training beobachtet: „Christian beschäftigt sich viel mit Fußball. Er ist akribisch und ideenreich, die Spieler schätzen seine Kreativität.“

Dabei war er ja selbst lange einer von ihnen. Bis 2015 spielte Kaya in der Bezirksliga-Elf unter anderem mit Abwehrchef Daniel Karli und Kapitän Michael Sen zusammen, bis er seine Laufbahn verletzungsbedingt beendete. Die fehlende Distanz war eine Sorge, die der Vorstand hatte, was nicht überrascht. Kaya ist mit vielen Spielern befreundet und führt Einzelgespräche oft in seiner Bar – aber der Erfolg gibt ihm recht. „Kumpel und Trainer gleichzeitig sein, das ist schwer“, sagt Özcan. Doch Kaya bekommt es bislang hin, auch wenn es manchmal anstrengend werden kann. „Es ist wie ein Zusatzjob“, erzählt er.

Am Sonntag sollte zumindest seine Mannschaft wieder hellwach sein – ab 14 Uhr tritt Tur Abdin beim Spitzenreiter VfL Wildeshausen an. Glücklicherweise soll es auch im Krandelstadion genießbaren Kaffee geben.