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Mit 66 Jahren an der Keule Jeff Burke: Die Baseball-Legende aus Ganderkesee

Von Daniel Niebuhr, Daniel Niebuhr | 20.05.2016, 16:53 Uhr

Der 66-jährige Jeffrey Burke ist der vielleicht älteste Baseballspieler Deutschlands – und noch viel mehr. Der Ganderkeseer war Profimusiker, Tourmanager für Boney M. und Sternchen der Radiowerbung.

Auch Legenden haben mal einen schlechten Tag. Jeffrey Burkes erstes Baseballspiel des Jahres wird jedenfalls nicht als Sternstunde des Sports in die Geschichte eingehen. Der Mann mit den grauen Haaren und der Sonnenbrille steht an diesem kalten Aprilnachmittag auf dem zugigen Platz der Bremen Dockers im Outfield und soll eigentlich die weiten Bälle fangen – nur kommen einfach keine. Also wartet er die meiste Zeit nur und knetet an seinem Handschuh herum, während ihm die frischen Böen von der benachbarten Weser um die Ohren wehen. Am Schlag fällt er dann nur durch einen Anraunzer gegen den Schiedsrichter auf, der aber höflich weghört. Als es spät im Spiel turbulent wird, ist Burke schon ausgewechselt.

27. Saison mit den Bremen Dockers

Wenigstens gewinnen die Dockers an diesem Tag ihr Verbandsligaspiel gegen die Hänigsen Farmers nach über vier Stunden, 32:22 steht es nach einem wilden Fehlerfestival, „über das wir lieber den Mantel des Schweigens legen“, wie die Bremer auf ihrer Homepage erklären. Burke, der Veteran, bittet in der Analyse um Nachsicht: „Im ersten Spiel passiert immer viel Grütze. Ich kenne das ja schon.“

Ja, er kennt das allerdings. Es war immerhin das 27. Mal, dass er mit seinem Team in eine Saison gestartet ist, viel länger wird in Bremen auch noch nicht organisiert Baseball gespielt. Als er anfing, anno 1990, war er schon 39 und ahnte nicht, dass er einmal der Baseball-Senior der Nation werden würde. Heute, mit 66, ist der Ganderkeseer, der eigentlich aus Iowa kommt, einer der ältesten Spieler in Deutschland. Der Bundesverband führt (angesichts von 23.000 Aktiven bundesweit) keine offiziellen Rekordlisten, verkündet aber immerhin: „Es sind nur wenige Spieler bekannt, die mit über 60 noch auf dem Feld stehen.“

Stammspieler in der Verbandsliga

Jeff Burke würde in der zweiten Dockers-Mannschaft allein deshalb auch als Maskottchen taugen – doch dafür ist er einfach noch viel zu gut. In der viertklassigen Verbandsliga ist er Stammspieler; die Pitcher, die gegnerischen Werfer also, verzweifeln Woche für Woche an seiner Bierruhe. Seine Statistiken sind ordentlich, er trifft regelmäßig und punktet häufig. Natürlich, sagt er, werde er auf seine alten Tage kein Superstar mehr: „Man kann die Zeit nicht ewig austricksen. Aber ich habe meine Qualitäten.“

Von der Bezirks- bis in die Bundesliga

Und die heißen vor allem Geduld und Routine – in seinem Sport eher Kernkompetenzen als Ausdauer und rohe Kraft. Wer das Spiel versteht, kann lange erfolgreich sein – und Burke versteht es wie kaum ein anderer. Er hat alles gesehen im deutschen Baseball, der im Vergleich zu den USA immer zwergenhaft anmuten wird – auf den vielen mit Hütchen auf Bolzplätzen aufgebauten Feldern hat er ebenso gespielt wie in den mittelgroßen Stadien in Hamburg oder Regensburg, „wo es digitale Anzeigetafeln gibt“, wie Burke berichtet. Er stieg mit den Dockers, die zu Beginn noch Crocodiles hießen, von der Bezirks- bis in die Bundesliga auf, sah Spieler und Sponsoren kommen und gehen und dachte sich immer seinen Teil. „Ich kenne alle Geschichten in diesem Sport“, sagt er – an vielen war er ja selbst beteiligt.

Eigentlich hatte Burke schon aufhören wollen in diesem Frühjahr. Sein Hund sei krank gewesen, sagt er, er hatte mit ihm noch schöne Sommerspaziergänge unternehmen wollen, statt an den Wochenenden auf den Plätzen zu schwitzen. Als der Hund Anfang März jedoch starb, entschied Burke sich um: „Ich dachte, scheiß drauf, dann spiele ich halt weiter.“ Hoffentlich auch verletzungsfrei. Als er sich 2015 das Handgelenk brach, gab er für eine Saison den Co-Trainer im Zweitligateam des Clubs – ein misslungenes Experiment. „Das muss ich nicht noch einmal haben. Was soll ich denn draußen stehen?“, fragt er. „Da spiele ich doch lieber.“

Sternchen der Radiowerbung

Wer sich unter Jeff Burke nun einen Rastlosen vorstellt, der irrt sich gewaltig. Seine Geschichte ist die eines Mannes, der weiß, was er kann und was er nicht kann und der Prioritäten setzt – sportlich, beruflich und privat. Das tat er zuletzt im vergangenen Jahr, da hing er seinen Job an den Nagel. Nicht wegen schlechter Auftragslage, sondern weil es an der Zeit war. Er hätte noch lange weitermachen können, bei der Lobby, die er hat. Denn Burke ist in Norddeutschland eine der bekanntesten Figuren der Radiowerbung, seine Stimme kennt fast jeder. In seinem Studio in Delmenhorst hat er über die Jahre tausende Clips getextet und eingesprochen, viele laufen noch heute.

Mit den Dorfdiscos hätte es in den 90ern angefangen, erzählt er; damals, als die Privatsender frisch auf dem Markt waren und die Werbesekunde nur fünf Mark kostete, wollte jeder seinen eigenen Spot. Und möglichst jede Woche einen neuen. Danach hat er alles mögliche gemacht: Autohäuser und Küchenstudios, Bekleidungsgeschäfte und Freizeitparks.

Plattenvertrag in den 70ern

Sein kerniger US-Akzent schadete dabei ebenso wenig wie die Erfahrung am Mikrofon. Burke steht schon seit den 70er-Jahren vor, auf und hinter den Bühnen der Welt, als Sänger, Manager, Aushilfstechniker, Songtexter und Mann für alles. Ganz zu Beginn hatte er sogar mal einen eigenen Plattenvertrag; sein größter Hit war die schunkelige Disconummer „Come on over tonight“ 1977. Der Weg an die Spitze war aber damals nicht weniger weit als heute. Also wechselte er die Seiten und arbeitete als Tourmanager unter anderem für Boney M., er flog durch Europa, organisierte die Shows, traf Tina Turner und andere Größen der Szene – und gewann die Erkenntnis: „Wenn man sieht, wie viele Musiker an Drogen sterben, bin ich froh, dass ich keine Musik mehr mache.“

Zur Musikbranche pflegte er ohnehin immer eine wechselhafte Beziehung – die er schließlich beendete. Irgendwann sei er zu alt gewesen für all die Möchtegernkünstler, sagt er: „Jeder Bubi, der eine Gitarre halten kann, denkt, er wird der nächste Chartstürmer. Es ging mir einfach auf den Keks.“

Im Stadion beim Kutzop-Elfer

Das ist schon Jahre her; jetzt, im Ruhestand, ist er einfach nur noch Jeff. Jeff, der Vater, Jeff, der Opa und natürlich Jeff, der Sportfreak. Er hat Zeit für seine Frau, Tochter Charlotte, Sohn Christopher und seine beiden Enkel. Und nebenbei verfolgt er seine Teams auf sämtlichen Sportsendern, die es in diesen Breitengraden zu abonnieren gibt. Er fiebert mit den Collegemannschaften aus seiner Heimat Iowa und mit den Minnesota Vikings, seiner Lieblings-Footballmannschaft, für die einst schon sein Vater gearbeitet hatte. Er kann stundenlang über Football diskutieren und über Werder Bremen, den Fußball-Verein, dem er „als Fan und Kritiker“ seit Jahrzehnten verbunden ist. Er war 1986 im Stadion, als Michael Kutzop gegen Bayern München seinen berühmten Elfmeter (ver)schoss, der Werder um die Meisterschaft brachte. 18 Jahre später erlebte er, wie es andersherum lief: Der Bremer Titelgewinn in München sei ein wunderschöner Moment gewesen. „Die Bayern in ihrem Wohnzimmer wegzufegen, was Besseres gibt es nicht“, meint er. Nicht ohne düster hinzuzufügen: „Mehr Meisterschaften wird Werder auch nicht mehr erleben. Im Fußball gibt es keine Gerechtigkeit.“ Die Bundesliga sei eben nicht die USA, wo es Gehaltsobergrenzen und lebhafte Wechselspiele an der Spitze gibt.

„Wenn du läufst, bist du wie ein Berserker“

Die US-Sportarten, da macht er sich nichts vor, werden den Fußball in der Publikumsgunst trotzdem nie überflügeln. Dass die Deutschen einmal Baseball lieben, werde er nicht mehr erleben. Wie viele andere hat er lange versucht, für seinen Sport zu missionieren; mit mäßigem Erfolg. Viel hat der Stammverein Bremer TV von 1847 investiert, allein das Feld verursachte Kosten im sechsstelligen Bereich und ist „eines der schönsten im Norden“, wie Burke findet. Mehr als 20 Insider sitzen jedoch selten auf der Tribüne, wenn die erste Dockers-Mannschaft in der 2. Bundesliga spielt – die meisten Kreisklassenkicks ziehen mehr Schaulustige an.

Burke ist das mittlerweile nicht mehr so wichtig, ihm geht es um das Spiel. Er wisse nicht, wie lange er noch durchhält, sagt er. Es gibt Tage, an denen er bei 30 Grad in der prallen Sonne sein Polyestertrikot durchschwitzt und sich dafür verflucht, nicht wie jeder andere mit spätestens 40 aufgehört zu haben.

Doch die Samstage mit den Jungs haben noch nicht aufgehört, Spaß zu machen. Und dann ist da auch noch dieser Ehrgeiz, der all die Jahre überlebt hat. Als er vor kurzem nach dem Treffer eines Teamkollegen um die Bases spurtete, nahm ihn sein Trainer hinterher besorgt zur Seite. „,Jeff‘, hat er gesagt, ,komm mal runter. Wenn du rennst, bist du wie ein Berserker‘“, erzählt Burke. Und lacht. Weil er weiß, dass es wahr ist.