Ein Angebot der NOZ

Oberbürgermeister im dk-Interview Axel Jahnz: „Beim Kunstrasen ist die Tür nicht zu“

Von Frederik Böckmann und Daniel Niebuhr | 18.03.2017, 11:06 Uhr

Oberbürgermeister Axel Jahnz spricht im dk-Interview über den fehlenden Kunstrasen für Fußballer, den SV Atlas, marode Sportstätten und seinen Lieblingsclub Hamburger SV.

 Herr Jahnz, Sie haben ja durchaus den Ruf eines sportaffinen Oberbürgermeisters. Ist der eigentlich berechtigt? Ich kann auf jeden Fall sagen, dass ich schon lange sportbegeistert bin. Das fing schon 1966 mit einem bestimmten Tor in Wembley an. Über Sport kann ich mich Stunden unterhalten. Ich bin auch gern selbst vor Ort. Ich war auch oft bei Europapokal-Abenden im Bremer Weserstadion.

 Sie sind doch HSV-Fan. 

Das bin ich, und das werde ich immer sein. Aber ich liebe einfach diese Flutlicht-Atmosphäre. Leider war ich auch im Stadion, als belgische Fans bei einem Spiel Feuerwerkskörper in den Bremer Block geschossen haben. Da habe ich gesagt: Das kann ich meinen Kindern gegenüber nicht mehr verantworten.

 Seitdem hat die Gewalt im Fußball eher zugenommen. 

Das ist leider wahr. Dafür muss man gar nicht in die Bundesliga schauen. Wir hatten hier im Januar 2015 ein Hallenturnier mit der U23 von Hannover 96. Die Fans mussten vom Bahnhof zur Halle eskortiert werden. Es kann doch nicht sein, dass wir Dutzende Polizisten abstellen müssen, damit ein paar Chaoten nicht die Stadt zerlegen. Als ich bei dem Turnier die Eröffnungsrede gehalten habe, wurde im Fanblock gepöbelt. Ich habe das dann abgebrochen. Solch eine Veranstaltung werde ich in Zukunft nicht mehr genehmigen. Da kann ich von meinem Hausrecht Gebrauch machen. Ich will so etwas nicht noch einmal in meiner Stadt sehen.

 Delmenhorst hat in dieser Hinsicht im vergangenen Herbst ja leider wieder Schlagzeilen geschrieben. Nach dem Landesligaspiel des SV Atlas bei Kickers Emden gab es Ausschreitungen, an denen Fangruppen beider Seiten beteiligt waren. 

Das geht für mich überhaupt nicht. So etwas ist nicht nur ein Schaden für den Verein, das schadet dem Ansehen der ganzen Stadt. Wenn Menschen nur zum Spiel gehen, um sich auf die Rübe zu hauen, dann müssen harte Strafen her. Ich sehe aber vor allem die Vereine in der Pflicht, diese Leute auszusperren. (Weiterlesen: Atlas-Vorstand will Randale schnell aufarbeiten) 

 Nicht nur bei diesem Spiel, sondern auch bei anderen Begegnungen haben sich einige wenige Fans des SV Atlas in der Vergangenheit nicht immer unbedingt korrekt verhalten. Wie haben Sie das wahrgenommen? 

Das finde ich überhaupt nicht gut. Alles, was unter die berühmte Gürtellinie geht, ist für mich in keinster Weise akzeptabel. In keinem Verein. Ich verlange auch, dass die Vereine das regeln. Ich möchte doch nicht meine Kinder nur zum Fußball begleiten, damit ich sicher bin, dass sie unfallfrei wieder nach Hause kommen. Ich habe dem SV Atlas und allen anderen Vereinen nicht zu sagen, was sie zu tun haben. Aber die Vereine müssen die Konsequenzen tragen, wenn sie Fans haben, die sich nicht benehmen können.

 Macht der SV Atlas da aus ihrer Sicht genug? 

Das kann ich nicht beurteilen. Ich habe mich über diese Konsequenzen mit dem Verein noch nicht unterhalten. Wenn er das möchte, würde ich das tun. Wie mit jedem anderen Verein übrigens auch.

 Haben Sie Angst vor dem Rückspiel am 2. April in Delmenhorst gegen Kickers Emden? 

Angst nicht. Erst einmal ist es Aufgabe des Vereins, für die Sicherheit zu sorgen. Sollte es Ärger geben, habe ich kein Problem damit, konsequent zu sein und das Spiel sofort abbrechen zu lassen. Atlas und die Polizei stehen aber auch im Austausch. Wir wünschen uns doch alle, dass die Fans beider Lager hier keine Spur der Verwüstung, keine Spur der Blamage hinterlassen. Klar ist aber auch: Man kann im Vorfeld nicht alles in den Griff kriegen. Aber wir müssen sagen: Wir haben zumindest alles versucht.

 Die Spiele, die auf den Nebenplätzen des Stadions für diesen Tag angesetzt waren, sind schon einmal vorsichtshalber verlegt worden. 

Dass das nötig ist, finde ich allein eine Zumutung. Vor allem, wenn man bedenkt, über welche Liga wir hier reden.

 Atlas, das ist aber wichtiger, schreibt auch viele positive Geschichten in der Landesliga. Außerdem klopfen die Fußballerinnen des TV Jahn an die Tür zur 2. Bundesliga, und die Handballer der HSG Delmenhorst sind ein Aushängeschild. Ist Delmenhorst eine Sportstadt? 

Auf jeden Fall. Ich sehe da nicht nur die Spitze, sondern auch die Vielfalt. Wir bieten so viele verschiedene und wunderbare Sportarten an. Vor kurzem war ich zum Beispiel bei einem Tanzturnier des TV Jahn, das war wunderbar. (Weiterlesen: Zweitligachancen für TV Jahn Delmenhorst steigen) 

 Ausgerechnet die Sportler haben aber oft nicht das Gefühl, in einer Sportstadt zu leben. Um einen Kunstrasen betteln die Fußballer seit Jahren, der miserable Zustand der Hallen ist auch ein Dauerthema. Können Sie den Ärger verstehen? 

Ich kann jeden verstehen, der sich über die Sporthallen beschwert, viele sind tatsächlich sanierungsbedürftig. Der Kunstrasen ist ein anderes Thema, das sollte man nicht in einen Topf werfen. Sonst spielt man Sportarten gegeneinander aus. (Weiterlesen: Politik bremst Delmenhorster Fußballer bei Kunstrasen aus) 

 Jürgen Janßen, der Vorsitzende der HSG Delmenhorst, hat die Politik, die Verwaltung und auch Sie persönlich scharf angegriffen. Sein Kernvorwurf: Die Fußballer, speziell der SV Atlas, würden systematisch bevorzugt. 

Die Aussagen von Herrn Janßen habe ich mit Interesse gelesen. Da bin ich ihm und dem Handballsport nicht böse. Sondern ich differenziere und sage: Das vermenge ich jetzt nicht. Sonst geht es ja sofort in eine Diskussion: Die Fußballer bekommen das, die anderen Sportarten bekommen nichts, wir wollen aber auch etwas. Davor möchte ich warnen. Ich weiß, dass unsere Sportstätten sanierungsbedürftig sind. Wir können durch viele Städte in Deutschland reisen, wo es nicht viel anders ist. Ich verstehe das auch. Aber ich selektiere nicht und sage: das ist gut, und das ist schlecht. (Weiterlesen: HSG Delmenhorst schimpft auf Politik und Vewaltung) 

 Einige Stadtratsfraktionen haben aber genau das getan. Im Ausschuss für Bildung, Sport und Kultur war die allgemeine Rechnung: So lange die Hallen marode sind, können wir uns keinen Kunstrasen leisten. 

Wie gesagt: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

 Finden Sie die Argumentation der Politik also unsachlich? 

Das haben Sie jetzt gesagt. Ich mache das diplomatisch. Ich spiele nicht einen Kunstrasen gegen eine Halle, nicht die eine Sportart gegen die andere aus.

 Zumindest war es so, dass mit dem Kunstrasen auch Wahlkampf gemacht wurde. Und jetzt scheint die Lust doch nicht mehr so groß zu sein. Trägt so etwas nicht zur Politikverdrossenheit bei? 

Da müssten Sie die Personen und Parteien selbst fragen. Was mich betrifft: Ich befinde mich beim Thema Kunstrasen nicht im Rückwärtsgang. Ich bin lediglich stehen geblieben. Wenn ich mich nur auf die Finanzlage der Stadt ausruhe, ist es schwer, Visionen zu entwickeln. Wenn wir jede Diskussion nur nach dem Geld führen, dann können wir gleich die Tür in vielen Bereichen zumachen. Beim Kunstrasen ist die Tür für mich als Oberbürgermeister nicht zu. Aber es ist nicht immer so einfach.

 Sie waren bis 2014 Bürgermeister der Gemeinde Hude. Dort wird nun wahrscheinlich ein Kunstrasen gebaut. Schauen Sie manchmal mit Wehmut zurück, weil man in Hude andere Möglichkeiten hat? 

(lacht) Nein. Ich habe mich bewusst entschieden, nach Delmenhorst zu gehen.

 Können sich die Delmenhorster von den Hudern etwas abschauen? Man hat den Eindruck, die Fußballer lehnen sich zurück und hoffen: Die Stadt macht das schon. 

Nein. Man kann den ländlichen und städtischen Charakter nicht vergleichen. Selbsthilfe und Mithilfe kann auch in Delmenhorst zur Sprache gebracht werden. Ich gehöre zu denen, die sagen: Lass es uns doch einfach mal machen. In Delmenhorst passiert es aber auch schon. Wenn auch in kleinerem Format. (Weiterlesen: Hude soll Kosten für Kunstrasen alleine stemmen) 

 Können Sie es nachvollziehen, wenn jemand sagt: Unsere Sportstätten sind ein schlechtes Aushängeschild für den Standort? 

Ich bin mit Ihnen völlig einer Meinung, dass die Stadionhalle oder andere Hallen sich in einem besseren Zustand befinden könnten. Die Stadt hat aber natürlich eine Mammutaufgabe. Alle Sporthallen, auch die kleinen Sportstätten, bedürfen einer gewissen Bewirtschaftung. Es ist nicht so, dass ich die Problematik nicht vor Augen habe.

 Was halten Sie eigentlich von der Idee einer Multifunktions-Sporthalle in Delmenhorst? 

Ich habe tatsächlich schon Gespräche zu einer Veranstaltungshalle geführt. Dort könnten natürlich auch Sportevents durchgeführt werden.

 Das wäre aus Sportlersicht ja sensationell. 

Das Thema ist so weit, dass sich tatsächlich Leute dafür interessieren. Und ich sage ganz klar: Dieses Thema schieben wir nicht weg. Vielleicht klappt das erst in einigen Jahren. Aber nichts zu tun, ist auch langweilig.

 Zum Abschluss noch eine etwas gemeine Frage. Was ist schwieriger: HSV-Fan zu sein oder Oberbürgermeister von Delmenhorst? 

HSV-Fan zu sein.

 Warum? 

Ich habe so viel Leid gesehen über die Jahre. Ich war beim Europapokalsieg genauso dabei wie bei den Relegationsspielen. Dem Verein würde ein Neuanfang vielleicht ganz gut tun. Oberbürgermeister von Delmenhorst zu sein, ist auf der anderen Seite eine spannende Aufgabe. Und eine, die nicht jeder übertragen bekommt.