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Parareiterin trotzt ihrer Krankheit Silvia Logemann: Vom Rollstuhl in den Sattel

Von Katrin Brandes, Katrin Brandes | 25.12.2016, 18:59 Uhr

Die Parareiterin Silvia Logemann ist an Multipler Sklerose erkrankt, doch sie trotzt ihrer Krankheit – dank ihrer Pferde. Das Reiten ist für sie mentale und körperliche Therapie. In diesem Jahr stand sie auf dem Sprung zu den Paralympics. Für 2017 nimmt sie die Europameisterschaft ins Visier.

Silvia Logemann ist im Reitstall groß geworden, sagt sie. Sie ist bei ihrer Tante „schon als Baby geritten“, hat drei Pferde und lebt auf einem Bauernhof in Berne. Soweit nichts Außergewöhnliches – doch Silvia Logemann sitzt im Rollstuhl. Die 39-jährige Reiterin ist mit Anfang 20 an Multipler Sklerose (MS) erkrankt. Hufe auskratzen und Pferde füttern – das geht seitdem nur vom Rollstuhl aus. Nur wenige einzelne Schritte sind gelegentlich ohne Rollstuhl möglich. Für Logemann aber kein Grund, deswegen nicht zu reiten: In diesem Jahr stand sie mit ihrem achtjährigen Hannoveraner-Wallach Danjo auf der Longlist für die Paralympischen Spiele in Rio.

Mit Spedition auf Tour durch Europa

Vieles hat sich verändert für die ehemalige Spring- und Jagdreiterin, seit sie mit zwölf Jahren von ihrer Großmutter den Lipizzaner-Mix Pancho als erstes eigenes Pferd bekam. „Pferde kompensieren die Auswirkungen der MS. Die Bewegungen des Pferderückens wirken Krämpfen und Taubheitsgefühlen entgegen, auch wenn ich heute fast nur noch Schritt reite. Es gab bisher eigentlich kaum einen Moment ohne Pferde in meinem Leben“, strahlt Logemann, die in Limburg geboren wurde. Dort ging sie auch in die Lehre in der Automobilindustrie und stieg bei ihrem damaligen Lebensgefährten in die Spedition mit ein. „Mit Anfang 20 habe ich mir im 7,5-Tonner Europa angesehen,“ schaut sie gerne zurück.

In Rente mit 22

Doch 1993 kam die MS-Krankheit mit ersten Schüben. Nach Pancho ritt sie zu der Zeit den schwarzen Hengst Royal Flash noch im Springen bis zur Klasse M. „Traumhaft schön mit vier weißen Füßen und weißer Blesse. Ich hatte ein Gottvertrauen in ihn und er sprang wie Sau,“ blickt sie gerne zurück. Aber die Multiple Sklerose machte Springen bald unmöglich: „Man kommt nicht mehr so schnell und geschmeidig hinterher am Sprung. Die Nerven geben die Bewegungsbefehle einfach zu langsam weiter.“ Auch ihrer Arbeit konnte sie nicht mehr nachgehen, sie wurde 1999 mit erst 22 Jahren verrentet.

Nach Royal Flash kam dann die unerschrockene Fuchsstute Monty, mit der sie noch Dressur ritt, und dann Haflingerwallach Marko: „Bis dahin ging alles alleine. Mit Marko schaffte ich das gerade noch, also satteln und so. Die Pferde und die Ansprüche ans Reiten wurden aber kleiner.“

Umzug in den Norden

Aus Süddeutschland ging es dann in den Urlaub nach Tossens – und dort gefiel es Logemann und ihrem damaligen Lebensgefährten so gut, dass eine Wohnung gemietet und die Spedition verkauft wurde. „Das war ganz spontan“, schmunzelt die Pferdeliebhaberin heute. Die Liebe zu Norddeutschland blieb, die zu ihrem Lebensgefährten nicht. Bedingt durch die Trennung musste Monty verkauft werden, Marko zog nach Holle und brachte einer ganzen Familie das Reiten bei.

2004 traf die Hessin den Hufschmied Hartmut Logemann, der auch Pferde hatte und selber ritt. Schnell zogen sie in Holle zusammen: „Fünf Pferde von Hartmut und meine Sachen, da waren wir mit unserem ganzen Krams.“ Silvia Logemann ritt zunächst langsam Schulpferde, darunter der liebevoll Daddel genannte D’Artagnon, mit dem sie sogar ihre Reitabzeichen in der Dressur machte – vom Springen hatte sie Dispens. „Es war ein Fiasko, aber ich habe bestanden“, beschreibt sie die Anstrengung, aber „ich kann sehr stur sein und wollte allen beweisen, dass Daddel und ich das schaffen.“

2013 wird zum Schicksalsjahr

Und dann kam Verlasspferd Falko, für den sie immer noch ihre Hand ins Feuer legt. Auf ihm fühlte sie sich wohl und dachte erstmals wieder über Turnierstarts im Parasport nach. Mit ihm ging es 2009 und 2010 erfolgreich zur Sichtung nach Warendorf und Mecklenburg-Vorpommern. Dazu suchten die Logemanns dann noch ein Großpferd und stießen dabei 2012 auf die Stute Rothana, die neben Falko und Danjo auch heute noch bei ihnen wohnt.

Doch 2013 wurde zu Silvia Logemanns Schicksalsjahr: Ein heftiger Schub legte sie im Februar völlig lahm. „Innerhalb von 24 Stunden ging gar nichts mehr“, erklärt sie nüchtern, „Ins Krankenhaus in Oldenburg bin ich noch selbst gegangen, dann lag ich über vier Wochen.“ Das bisherige Medikament wirkte nicht mehr, ein neues wurde probiert. Und der Entschluss stand fest: Das Krankenhaus wird gehend verlassen werden. „Aufstehen, Krone richten, weitergehen“, war ihre Devise – und so tat sie es auch. Doch eine Rehakur lehnte sie ab („Nichts da! Ich will nach Hause und auf’s Pferd!“). Denn: „Reiten ist Therapie. Die dreidimensionalen Schwingungen stimulieren die beschädigten Neuronen.“ Ein Treppenlift und weitere Feinheiten wurden zuhause an der Hiddigwarder Straße in Berne eingebaut.

Landesmeisterin in Mecklenburg-Vorpommern

Für gesunde Reiter normale Handgriffe wurden zur Herausforderung: „Ich war so stolz, mit dem Rolli zum Heu fahren und den Arm heben zu können, um Falko das Heu zu geben.“ Auch direkt vom Rollstuhl ging es über eine selbst gebaute Rampe auf Falkos Pferderücken. „Ohne Hartmut und seine Hilfe wäre für mich Feierabend gewesen,“ ist sie ihrem Ehemann sehr dankbar. Und natürlich Pferd Falko. Mit festhalten ging es im Schritt jeden Tag ein bisschen weiter: „Falko hat einen Superjob gemacht.“

Auch die Medikamente schlugen an und „konnten dem Körper helfen, sich selbst zu helfen“, erklärt die durchsetzungsstarke Reiterin, die sich auch direkt wieder ein Ziel setzte: die Deutschen Meisterschaften Para Equestrian im September 2013 in Wetzlar. Logemann sicherte sich die Startgenehmigung mit den beiden Stuten Rothana und der neuen Rochez. „Es war unglaublich anstrengend mit zwei Pferden. Aber mit Rothana habe ich mich sogar platziert“, ist sie stolz auf ihren Genesungsweg. Danach folgte direkt die Einladung zum Internationalen Paraturnier in Prag, in der sie sich mit Rothana auch zweimal platzierte.

Auf der Longlist für Rio – ein positiver Schock

2014 ging genauso weiter, Silvia Logemann startete, bedingt durch die bessere Förderung, für Mecklenburg-Vorpommern und erreichte unter den Augen der Landestrainerin 80 Prozent und damit den Sieg in den Landesmeisterschaften auf dem renommierten Redefiner Gestüt. Auch in Mannheim im CPDI**** erreichte sie drei Mal Silber – und das nur ein Jahr nach ihrem Krankenhaus-Aufenthalt: „Das habe ich nur Rothana zu verdanken.“

Beim Beschlagen traf Ehemann Hartmut dann auf den sanften, erst fünfjährigen Wallach Danjo. Schnell zog dieser bei Logemanns ein und Silvia entwickelte ein starkes Vertrauen zu ihm. Rothana ging in Rente, wird von Logemanns Nachbarin Jule aber noch etwas Dressur geritten. Mit Danjo ging es dann in 2015 auf unzählige Turniere: Redefin, Mannheim, Rozendaal, Überherrn und Bonhomme. Hier wurde das Paar Deutscher Vizemeister mit 72 Prozent in der Kür – und schaffte es Anfang 2016 auf die Longlist für die Paralympics Rio: „Ich war erst erschrocken, da ich ja nicht im A-Kader reite.“

Ziel für 2017: die EM in Göteborg

Die Seminare, Sichtungsturniere und auch das Einkleiden war für beide spannend, „wir waren aber auch froh, dass es dann doch nicht geklappt hat“. Denn ein Turnier erfordert auch immer viel Organisation: Die Pferde- und Katzenversorgung muss geklärt sein, alles Pferdequipment, der Rollstuhl, Medikamente und Hilfsmittel in Container gepackt werden. Ebenso Dreirad, Decken, und auch eine weitere Begleitperson gilt es zu finden. „Ich bin Kerstin Auffarth unglaublich dankbar für ihre unermüdliche Unterstützung als Trainerin, Freundin und Begleitung“, sagt Logemann.

Aktuell sucht sie nach einem zweiten Turnierpferd und nach Sponsoren. Denn anders als in anderen Bundesländern steckt die Unterstützung der Parareiter in Niedersachsen noch in den Kinderschuhen. Und natürlich hat sie ein neues Ziel vor Augen: die Teilnahme an den Europameisterschaften in Göteborg im August 2017.