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Rekordkulisse beim Topspiel Nullnummer zwischen SV Atlas und Kickers Emden

Von Daniel Niebuhr und Frederik Böckmann | 02.04.2017, 19:56 Uhr

Das Duell der Traditionsvereine lockt über 2000 Zuschauer ins Delmenhorster Stadion – einen Sieger gab es im Landesliga-Gipfel zwischen dem SV Atlas Delmenhorst und Kickers Emden aber nicht.

Selten hat man Jürgen Hahn so strahlen sehen wie am Sonntagnachmittag. Wie ein stolzer Vater auf Familienausflug flachste der Trainer des SV Atlas mit seinen Spielern, die auf dem Rasen des Stadions verteilt lagen, fuhr mal dem einen durch die Haare und knuddelte dann wieder einen anderen – kurz gesagt: Hahn war ein zufriedener Mann. Dass das erstaunlich war, gab er sogar selbst zu, denn: „Eigentlich bin ich nur nach Siegen zufrieden.“

Gewonnen hatten seine Landesliga-Fußballer nicht, Hahn hatte sich die gute Laune trotzdem verdient – denn seine Mannschaft hatte den Nachweis abgeliefert, zur Spitzenmannschaft gereift zu. 0:0 hatte sich Atlas schließlich von Kickers Emden getrennt und dabei einen wichtigen Punkt und einen neuen Zuschauerrekord gefeiert. Rund 2100 Fans wollten den Gipfel der Traditionsvereine sehen, so viele hatte Atlas seit der Wiedergründung 2012 zu keinem der vorangegangenen 70 Ligaspiele empfangen. „Das Event war großartig“, fand der glänzende Atlas-Schlussmann David Lohmann, der aber eines vermisste: „Es fehlte nur der eine Moment, in dem wir das Tor schießen und diese Kulisse explodiert.“

Kickers-Coach aus dem Innenraum verwiesen

Dass es dazu nicht kam, lag an einem zähen und hervorragend organisierten Gegner, der die Delmenhorster zum Schluss fast noch niedergerungen hätte. „Wir hatten am Ende ein Übergewicht, können aber mit dem Punkt leben“, erklärte Emdens Coach Rudi Zedi – einer von zwei Protagonisten, die das Spiel nicht bis zum Schluss auf den ihnen zugedachten Plätzen verfolgen durften. Zedi wurde von Schiedsrichter Maximilian Stargardt nach einer Diskussion mit Atlas-Co-Trainer Marco Büsing aus dem Innenraum verwiesen, vorangegangen war eine Gelb-Rote Karte gegen den Delmenhorster Patrick Degen, die wohl Auslöser des Disputs war.

Polizei vermeldet: Alles ruhig

Insgesamt hatten die Beteiligten ihre Nerven aber im Griff, was auch für das Publikum galt. Weil es nach dem Emder 4:2 im Hinspiel auf dem Parkplatz zu Schlägereien gekommen war, wurde das Rückspiel gestern von großer Polizeipräsenz und zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen begleitet, zur allgemeinen Erleichterung blieb es rund um die Partie ruhig. Die gegenseitige Abneigung äußerte sich nur in Schmähplakaten und unflätigen Gesängen. „Es hat alles perfekt funktioniert, ich bin happy“, meinte Atlas-Manager Bastian Fuhrken. Auch ein Polizeisprecher konnte am Abend verkünden: „Es ist alles ruhig geblieben.“

Dass Atlas durch den zeitgleichen 5:0-Sieg von Titelkonkurrent Blau-Weiß Lohne bei Vorwärts Nordhorn die Tabellenspitze abgeben musste, geriet fast zur Randnotiz. Beide Vereine verbuchten das Remis als gewonnenen Punkt, wenn auch mit Einschränkungen. „Zuhause willst du immer gewinnen, deshalb bin ich etwas enttäuscht“, meinte Lohmann, der dieses Mal den Vorzug vor Florian Urbainski erhalten hatte und das 0:0 durch eine starke Parade gegen einen Distanzschuss von Emdens Torben Lange kurz vor Schluss sicherte. „Dass ich zu null geblieben bin, fühlt sich gut an“, sagte Lohmann.

Emden fühlt sich um Elfmeter gebracht

Kickers-Coach Zedi wollte auch nicht zu lange mit dem Ergebnis hadern, sehr wohl aber mit zwei Schiedsrichter-Entscheidungen: In der 41. Minute hatte er einen elfmeterreifen Zupfer von Atlas-Innenverteidiger Hanno Hartmann an Tido Steffens gesehen, der ebenso ungeahndet blieb wie eine Grätsche Hartmanns gegen Holger Wulf in der 70. Minute. Hartmann hatte den Emder in der Tat getroffen, weshalb Kickers-Kapitän Hendrik Diekmann unkte: „Ich habe aus 90 Metern Entfernung gesehen, dass das ein Foul war.“ Sogar Hahn meinte: „Da haben wir Glück gehabt.“

Glück, dass sich Atlas allerdings auch verdient hatte. Hahn waren im Vorfeld verletzungsbedingt mit Kevin Radke und Thomas Mutlu beide Außenverteidiger ausgefallen, er bot als Ersatz auf links überraschend Spielmacher Musa Karli auf, der sich prächtig schlug, bis auch er in der 68. Minute mit einer Oberschenkelverletzung ausgewechselt wurde. „Ich spiele ja schon lange genug Fußball; ich wusste, was ich zu tun hatte“, sagte Karli, der fand: „Wir haben als Kollektiv gut verteidigt.“

In der ersten Hälfte ließen er und seine Abwehrkollegen fast nichts zu, am dichtesten stand auf der anderen Seite Degen vor der Führung. In der 18. Minute wurde er von Dominik Entelmann mit einer feinen Flanke bedient und kam aus sieben Metern völlig frei zum Kopfball – doch die Kugel rutschte vorbei. „Den darf man auch machen. Auf diesem Niveau ist so eine Chance vielleicht die beste, die du kriegst“, sagte Hahn.

Lohmanns Parade in der Nachspielzeit

So war es tatsächlich. Atlas war bei Standardsituationen zwar oft gefährlich, scheute aber das letzte Risiko und verlor schließlich die Kontrolle. Nachdem Emdens Marek Hinrichs in der 64. Minute allein vor Lohmann aus 13 Metern kläglich vergeben hatte, bekam Thore Sikken drei Minuten später die letzte Atlas-Gelegenheit. Das Geburtstagskind, das gestern 21 Jahre alt wurde, scheiterte nach Entelmann-Pass aus Nahdistanz an Torwart Karsten Buss, danach sahen die Gastgeber den Kickers-Strafraum nur noch aus der Ferne.

Spätestens nach dem Platzverweis gegen Degen (82.) nach zwei Fouls innerhalb von drei Minuten klammerten sich die Delmenhorster an den einen Punkt, der ihnen aber fast noch entglitten wäre. In der Nachspielzeit kratzte Lohmann einen Schuss von Lange aus dem Eck, einer der ersten Gratulanten war nach dem Schlusspfiff Lohmanns Emder Torwart-Kollege Buss. Ein junger Atlas-Fan wollte Lohmann sogar seine Handschuhe als Souvenir abschwatzen, doch der Atlas-Schlussmann musste höflich ablehnen: „Die darf ich nicht hergeben.“ Er wird sie in den kommenden Spielen brauchen: Nach seiner Leistung von gestern ist ein erneuter Torwartwechsel wohl eher unwahrscheinlich.