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Rückkehr nach sechs Jahren Der SV Rethorn ist zurück

Von Daniel Niebuhr | 06.07.2015, 08:01 Uhr

Kleinster Verein Deutschlands war gestern: Nach sechs Jahren ohne Team ist der SV Rethorn zurück im Spielbetrieb. Nach einem dk-Artikel, der zum Facebook-Renner wurde, hat Vorsitzender Gerd Hillmann wieder eine Mannschaft.

Als es zu nieseln beginnt, zieht Gerd Hillmann den Reißverschluss seiner Trainingsjacke hoch bis zum Bartansatz. Während die Spieler des SV Rethorn im Bummeltempo ihre Aufwärmrunden drehen, ist der Trainer, Abteilungsleiter und Vereinsvorsitzende ebenso gemächlich dabei, die Hütchen auf dem Sportplatz in Kühlingen zu verteilen. „Hoffentlich regnet’s nicht zu sehr“, sagt er, argwöhnisch gen Himmel blickend. „Nicht, dass sich einer was wegholt.“ Ein Schleifer wird er wohl nie, der ewige Rethorner, dazu ist er doch zu fürsorglich: Als ein Spieler bei der nächsten Übung quengelt, ob er denn wirklich dreimal durch den schief aufgestellten Slalom muss, zeigt Hillmann Verständnis: „Oder halt zweimal. So oft, wie du kannst.“ Beim SV Rethorn ist man da nicht so.

Spieler melden sich über Facebook

Es ist ein Freitag Ende Juni, die meisten Fußball-Vereine haben ihre Saison schon vor Wochen beendet. Aber hier, auf dem holprigen Platz in Kühlingen neben einem Kindergarten, beginnt gerade etwas. Es ist das zweite offizielle Training des SV Rethorn; eines Vereins, den es vor zwei Monaten eigentlich gar nicht mehr gab und der nun dabei ist, aus dem Nichts wieder aufzuerstehen. Sechs Jahre lang war Hillmann praktisch das einzige echte Mitglied, das einsam und ziemlich erfolglos um eine Wiederbelebung kämpfte, bis das dk Ende Mai seine Geschichte erzählte. Wie der Klub aus seinem Heimatort 1980 gegründet wurde, sich sympathisch, aber größtenteils untalentiert durch die Kreisklassen rumpelte und 2009 schließlich mangels Masse die einzige Mannschaft abmelden musste. Und wie Hillmann den SV Rethorn seitdem alleine mit Herzblut und Tricksereien vor der Streichung aus dem Vereinsregister bewahrte. Die Sache wurde zum Renner bei Facebook, in wenigen Tagen meldeten sich dutzende interessierte Spieler bei Hillmans Sohn Marvin. Sogar das Fußballmagazin „11 Freunde“ besuchte ihn kurz darauf. „Das war vielleicht ein Stress“, stöhnt er. Er wäre allein eine Stunde lang auf dem Platz herumgeturnt, ein Riesen-Trara für ein Foto.

 (Weiterlesen: Der SV Rethorn ist der wohl kleinste Fußball-Klub Deutschlands) 

Nachbarvereine kooperativ bei Spielerwechseln

Doch der Effekt der Mini-Medien-Offensive ist verblüffend. Mehr als 20 Fußballer kommen mittlerweile regelmäßig zum Training, das Hillmann taktisch clever auf Freitagabend gelegt und damit einige Schüler und Studenten gewonnen hat. Viele von ihnen haben seit Jahren nicht mehr gespielt, ihre Pässe sind in irgendeiner Schublade verschwunden und müssen neu beantragt werden. Andere kommen aus unteren Mannschaften umliegender Vereine, die sich sehr kooperativ verhalten haben, wie Hillmann dankbar erklärt.

Er meldete den neuen SV Rethorn für die nächste Saison an, und zwar gerade noch rechtzeitig: Sechs Jahre nach dem letzten Ligaspiel läuft sein Verein nun wieder in der 5. Kreisklasse auf. Und Hillmann, der Einzelkämpfer a.D., ist vom unverhofften Comeback regelrecht ergriffen. Ein Wunder sei das, kaum zu glauben, schwärmt er: „Es ist wieder Leben auf dem Platz. Ich bin beim ersten Training mit den Jungs gelaufen – das war ein Wahnsinnsgefühl, Gänsehaut.“ Selbst seine Frau, die ihn immer ein wenig belächelt hat, trägt es mit Fassung, dass sie ihren Mann an Wochenenden demnächst seltener sieht. Wo es dem Gerd doch solchen Spaß macht.

Viele Spieler – aber kein Fußballplatz

Am liebsten wäre er jetzt nur noch Trainer, aber erst einmal muss Hillmann biedere Funktionärsarbeit leisten; auch ein Wunder gibt’s ja nicht ohne Bürokratie. Denn seit vergangenem Dienstag hat Rethorn zwar Spieler, dafür aber keinen Platz mehr. Die zuletzt jahrelang praktisch ungenutzte Heimspielstätte in Kühlingen gehört der Gemeinde, die mit dem ebenfalls dort ansässigen TSV Grüppenbühren – einem Klub ohne Fußballer – aber kurz nach dem zweiten Weltkrieg einen noch immer gültigen Nutzungsvertrag abgeschlossen hat. Damals wurde dort noch Feldhandball gespielt. Die Rethorner waren seit ihrer Gründung 1980 quasi die Untermieter, deren Vertrag allerdings Ende Juni ausgelaufen ist.

Training in Kühlingen, Punktspiele in Bookholzberg

Nun steht auf dem Gelände die einst vom SV Rethorn in Eigenarbeit errichtete Flutlichtanlage, doch auf den Rasen darf das neue Team offiziell nicht. Grüppenbührens Vereinschef Christian Schütte versichert zwar, dass „wir niemanden vom Platz jagen, weil man sowas unter Sportsleuten nicht macht“. Allerdings kann er sich einen Seitenhieb auf den Nachbarn nicht verkneifen: Das gewaltige SV-Rethorn-Schild am Umkleidegebäude, möge als Zeichen des guten Willens doch bitte abgehängt werden. Schließlich sei der Herr Hillmann nicht allein auf der Anlage. „Außerdem“, findet Schütte, „hätte er sich vielleicht etwas früher um einen Platz kümmern sollen.“

Geduldet sind sie also, die Rethorner, aber nur vorläufig und nur fürs Training. Doch wohin für die anstehenden Punktspiele? Hillmann wandte sich vergangene Woche in gebotener Hektik an die Gemeinde, die ihr Bestes tat und als Ausweichplatz die Anlage am Ammerweg im Nachbarort Bookholzberg anbot. Man wolle ja „nicht derjenige sein, der dem SV Rethorn den Todesstoß versetzt“, wie die zuständige Fachbereichsleiterin Sieglinde Jahn es ausdrückt.

Hillmann, unter zeitlichen Zwängen, nahm zähneknirschend an, was auch den Fußball-Kreis aufatmen ließ, der Pflichtspiele auf dem urigen Platz in Kühlingen ohnehin nur mit Bauchschmerzen veranstaltet hätte. Hillmann, ein bekennender Sturkopf, akzeptiert die Ausquartierung aber nur unter Protest. „Wir werden um einen neuen Vertrag verhandeln. Ich will mir unseren Platz nicht nehmen lassen“, sagt er. Grüppenbührens Klubchef Schütte sieht das gelassen. Man werde sich im Vorstand beraten; etwas Demut würde dem Herrn Hillmann, bei aller Freude über sein neues Team, aber generell nicht schaden.

Im Kreispokal Herkulesaufgabe gegen Achternmeer

Für einen Vollblutfußballer im Euphorie-Modus ist das nur manchmal leichter gesagt als getan. Nachdem der Spielbetrieb nun gesichert ist, formuliert Hillmann schon an den Saisonzielen herum. Kicken könnten seine Jungs ja, vielleicht sei der Aufstieg drin, sagt er.

Im Kreispokal starten die Rethorner auch, obwohl der längst ausgelost war, als Hillmann die Mannschaft auf den letzten Drücker anmeldete. Doch der Inklusionsverein SC Rote Teufel, mit dem sich die Rethorner künftig den Platz in Bookholzberg teilen, verzichtete aus Angst vor einer heftigen Abfuhr auf das Erstrundenspiel gegen den Kreisligisten SV Achternmeer und überließ Neuling Rethorn das Startrecht. Ein heikles Willkommensgeschenk, wenn man bedenkt, dass die Rethorner damit im ersten Pflichtspiel am 2. August einem fünf Klassen höher spielenden Gegner gegenüberstehen. Gerd Hillmann allerdings hat keine Angst. Er wird dann an der Seitenlinie stehen und genießen, was er sieht: eine Mannschaft des SV Rethorn, die tatsächlich ein Pflichtspiel bestreitet. „Es gibt uns wieder“, sagt er. „Der SV Rethorn spielt Fußball. Das ist doch die Hauptsache.“