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Serie: Stadt der Biker Kunstradfahren vereint Kraft, Kondition und Gleichgewicht

Von Richard Schmid | 12.05.2016, 11:22 Uhr

Der Radfahrerverein Adelheide gehört zu den erfolgreichsten Radsportvereinen Norddeutschlands. Trotzdem fristet der RVA noch ein Schattendasein – und versucht seinen Sport bekannter zu machen. In unserer Serie „Stadt der Biker“ stellen wir den Verein vor.

Wenn von Radsport die Rede ist, dann ist in aller Regel Rennradfahren gemeint. Dabei kann das im Schatten des Rennradsports stehende Kunstradfahren auf eine wesentlich längere Geschichte zurückgreifen. Bereits in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, so berichtet es die zum 100-jährigen Jubiläum des 1902 gegründeten Radfahrerverein Adelheide herausgegebene Festschrift, seien auf größeren Festen Darbietungen von Kunstradfahrern zu sehen gewesen. Zu den Pionieren zählten dabei vor allem amerikanische Radakrobaten, die auf dem Hochrad erstaunliche Kunststücke vorführten. Mit dem heutigen Kunstradsport haben diese Zirkusnummern jedoch nur wenig gemein. Im Laufe der Zeit hat sich das Kunstradfahren zu einer ernst zunehmenden Sportart mit festen Regeln entwickelt.

Der mit etwa 65 Mitgliedern in Adelheide beheimatete Radfahrerverein (RV) gehört in Norddeutschland zu den erfolgreichsten Radsportvereinen. Unzählige Landesmeisterschaften, aber auch mehrere deutsche Meistertitel stehen in der Vita des RVA. Mit vier deutschen Meistertiteln im Vierer- und Sechser-Mannschaftskunstfahren sowie zahlreichen Landesmeisterschaften ist Johann „Johnny“ Schröder der erfolgreichste Kunstradfahrer der Adelheider. Seine DM-Titel gewann er Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre in der heute nicht mehr ausgetragenen Disziplin „Steuerrohrfahren“. Dabei sitzt der Athlet ausschließlich auf dem Rahmenstück zwischen Vorderradgabel und Lenker und fährt seine Übungen allesamt auf dem Hinterrad. (Weiterlesen: RV Adelheide räumt bei Landesmeisterschaft ab)

Kunstradfahren ist die präzise Ausführung einzelner Bewegungsabläufe

Der inzwischen 79-jährige Schröder bringt auch heute noch in der Halle dem jugendlichen Nachwuchs die Kniffe des Kunstradfahrens bei. „Kunstradfahren ist sehr trainingsintensiv und es dauert Jahre, bis die verschiedenen Übungen in Fleisch und Blut übergehen. Kunstradfahren ist Leistungssport“, erzählt Schröder. Präzise Ausführung der einzelnen Bewegungsabläufe, Gleichgewichtsgefühl sowie Kondition und Kraft sind unabdingbar für das Ausüben dieses Sports. Allein bis zu 30 verschiedene Übungen können auf einem Spezialrad gezeigt werden. Das beginnt mit einfachen Grundelementen bis zu akrobatischen turnerischen Elementen, die auf dem Rad gezeigt werden. (Weiterlesen: Kunstradfahrer des RV Adelheide schneiden gut ab)

Neben dem Einer-Kunstradfahren werden wettkampfmäßig in Deutschland, der internationalen Hochburg des Kunstradsports, auch Vierer-Kunstradfahren sowie Sechser-Kunstradfahren sowohl für Schülerinnen und Schüler, Jugendliche und Erwachsene durchgeführt. „Im Mannschaftsfahren kommt es darauf an möglichst viele verschiedene Figuren synchron zu fahren“, erläutert Schröder die Anforderungen, die an die Sportler gestellt werden. Etwa zehn bis zwölf Kinder und Jugendliche sind es beim RV Adelheide, die sich diesem Sport verschrieben haben. (Weiterlesen: Kunstradfahrerin Madlin Rother siegt beim Unterweserpokal)

Michelle Doig - erst erfolgreiche Sportlerin, jetzt Trainerin beim RV Adelheide

Besonders erfolgreich in den vergangenen Jahren war hierbei Michelle Doig, zuletzt 2014 in der Altersklasse U 19 niedersächsische Landesmeisterin. Zusammen mit ihrer Vereinskollegin Kristin Günnemann mit der sie im Zweier-Kunstradfahren den zweiten Platz belegte, qualifizierte sie sich bereits 2008 und 2009 für die deutschen Meisterschaften der Schülerinnen und Schüler. Inzwischen tritt die junge Sportlerin, die seit ihrem siebten Lebensjahr beim Kunstradfahren dabei ist, aus beruflichen wie privaten Gründen deutlich kürzer. Vor allem ist sie jetzt selbst als Trainerin bei den Kindern und Jugendlichen des Radfahrvereins aktiv. (Weiterlesen: Michelle Doig im Porträt)

Kunstradfahren ist kein preiswerter Sport. Das benötigte Kunstrad, ein meist handgefertigtes Spezialrad, kostet um die 2000 Euro. Allerdings sind die Räder offensichtlich unverwüstlich, wie Schröder zu berichten weiß. „In unserem Fundus sind noch Räder, die ich in meiner aktiven Zeit benutzte“, erzählt er. „Allerdings verschleißen die Spezialreifen sehr schnell“, sagt er. Ein Reifen kostet immerhin 50 Euro, viel Geld für den kleinen Verein, der weitgehend ohne Sponsoren auskommen muss, wie Trainerin Heike Doig, früher selbst erfolgreiche Kunstradfahrerin, berichtet. (Weiterlesen: Sieben Sportler verraten ihre Weihnachtsrituale)

RV Adelheide tut sich schwer mit der Nachwuchsgewinnung

Neben dem Kunstradfahren wird beim RV Adelheide seit den 1990er Jahren auch das Einradfahren angeboten. Für den RV auch ein Mittel, den Hallenradsport bekannter zu machen. „Kinder und Jugendliche für den Hallenradsport zu gewinnen, ist nicht einfach“, sagt Doig. „Vieles läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda.“ (Weiterlesen: Michelle Doig wird Sportler des Jahres 2014)

In der Tat fristet trotz der großen Erfolge der Adelheider Kunstradfahrer der Hallenradsport in Delmenhorst ein Schattendasein. Mit Showveranstaltungen (etwa beim Kinderfasching in Ganderkesee) versucht der Verein das Kunstradfahren Kindern und Jugendlichen nahe zu bringen. Kein leichtes Unterfangen, wie Doig berichtet.