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Sieg im Elfmeterschießen Das dk-EM-Orakel hat gesprochen: Deutschland schlägt Italien

Von Frederik Böckmann, Frederik Böckmann | 01.07.2016, 18:43 Uhr

Es wird ein Krimi, ein Spiel für die Nerven, in dem Nuancen entscheiden werden: Das dk hat in seinem EM-Orakel das Viertelfinale gegen Italien (21 Uhr/ARD) in Bordeaux schon durchgespielt – mit erfreulichem Ausgang. Christian Stark, spielender Co-Trainer beim Kreisklassissten Delmenhorster TB, und der Halb-Italinener Marco Castiglione, Abteilungsleiter beim TV Jahn Delmenhorst, haben sich gegen Atlas-Keeper David Lohmann ein Elfmeter-Duell geliefert – mit einem knappen Sieg für Deutschland.

Der Rasen ist frisch gemäht, die Linien sind abgekreidet, auch die Netze hängen in den Toren. Auf einem der vielen Fußballanlagen in Delmenhorst sieht an diesem frühen Donnerstagabend alles so aus wie immer. Business as usual? Allerdings nur auf den ersten Blick. Denn es herrscht ein andächtige Ruhe rund um das satte Grün. Kein Spiel, kein Training, kein Gewusel. Irgendwie ist die Spannung vor dem Giganten-Duell zwischen Deutschland und Italien auch in der norddeutschen Tiefebene schon greifbar, der Viertelfinal-Knaller der Fußball-EM in Frankreich scheint auch die Fußballer am Brendelweg zu beschäftigen.

 Italiener-Hochburg Wolfsburg freut sich aufs Viertelfinale

Zum neunten Mal treffen die DFB-Elf und die Squadra Azzurra bei einer EM und WM aufeinander. Die Niederlage im WM-Jahrhundertspiel 1970, das vergeigte WM-Finale 1982, das bittere Halbfinale-Aus bei der Heim-WM 2006, die vercoachte Viertelfinale-Niederlage bei der EM 2012 – Deutschland sah bei K.o.-Spielen gegen Italien immer schlecht aus. Einen Sieg landete die deutsche Nationalelf gegen die Südeuropäer bei Endrunden noch nie.

Und 2016? Das EM-Orakel des dk hat die Partie mit zwei Delmenhorster Fußballern per Elfmeter schon ausschießen lassen. Das Ergebnis? Es wird ein Krimi, ein Spiel für die Nerven, in dem Nuancen entscheiden werden – und Deutschland denkbar knapp die Oberhand behält.

Marco Castiglione ist der „Ostfriesen-Sizilianer“

Für die Entscheidung vom Elfmeterpunkt hat das dk drei hoch qualifizierte Fußballer verpflichtet. Für Italien schnürt Marco Castiglione die Schuhe. Der 38-Jährige ist Abteilungsleiter beim TV Jahn. Brachte das sinkende TVJ-Schiff wieder auf Kurs. Stieg mit der Jahn-Reserve in die 1. Kreisklasse auf, zieht sich jetzt aber eigene Dritte zurück. Die Mutter ist Ostfriesin, Vater Angelo kam 1969 aus Italien nach Emden. Er nennt sich selbst den „Ostfriesen-Sizilianer“. Der Gymnasial-Lehrer gilt als nüchterner Analytiker, der sein italienisches Temperament aber durchaus zeigen kann.

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Für Deutschland schießt Christian Stark. Der 28-jährige aus Bremen geht mittlerweile in seine fünfte Saison beim DTB. Stieg zwischendurch aber auch mit dem SV Atlas in die Bezirksliga auf. Aktuell spielender Co-Trainer und Torjäger beim Turnerbund. Traf in der vergangenen Saison 16 Mal. Darunter waren auch einige Elfmeter. Aber: den letzten Strafstoß verschoss der Stürmer – gefühlt seinen ersten überhaupt. Ein schlechtes Omen für Deutschland?

David Lohmann nach seiner Schambeinverletzung wieder fit

Und im Tor? Dort steht David Lohmann. Der 27-Jährige vom SV Atlas gilt als einer der besten Torhüter der Region. Wurde Bezirksliga-Meister mit dem TuS Heidkrug, stand im Oberliga-Kaders des VfB Oldenburg. Unterschrieb die Rückkehr zu seinem neu gegründeten Heimatverein auf einem Bierdeckel. Will nach seiner Schambeinverletzung den Posten als Nummer 1 beim Landesliga-Aufsteiger zurückerobern. Wirkt fitter denn je und trainierte vor dem Vorbereitungsauftakt am Sonntag fünf Kilogramm runter.

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Während die drei Protagonisten beim lockeren Warm-up vor dem Elfmeter-Duell noch flachsen, wird es vor dem Anpfiff plötzlich ruhig. Mit Deutschland oder Italien das dk-EM-Orakel verlieren? Diese Blöße will sich weder Stark noch Castiglione geben. Die nervliche Anspannung steigt bei allen Beteiligten. Auch Keeper Lohmann setzt seinen Tunnelblick auf. Als moralische Unterstützung hat sich Castiglione noch mit zwei Familien-Mitgliedern verstärkt: Mit seinem 69-jähriger Vater Angelo und mit seiner siebenjährige Emilie. Weltmeisterlich fühlt sich der Pädagoge sowieso: Er läuft ganz selbstbewusst im Luca-Toni-Trikot vom WM-Triumph 2006 aus.

Christian Stark zeigt zunächst wenig Nerven

Christian Stark fängt mit dem Elfmeterschießen an. Behält der, weil er beim SV Atlas mit Torwart Lohmann zusammenspielte und der vielleicht die Ecken des Stürmers ahnt? Nein. Stark verlädt Lohmann und schießt einfach humorlos durch die Mitte – 1:0 für Deutschland.

Lässt sich Halb-Italiener Castiglione von diesem Rückstand beeinflussen? Ja, er tut es – und setzt gleich seinen ersten Schuss links neben das Tor. Die ersten Sprüche des Fotografen lassen sich nicht lange auf sich warten. „Du schießt wie ein Engländer!“ Und: „Soll ich dir schon ein Taschentuch besorgen?“

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Die Aussichten für Italien werden nicht besser. Stark verwandelt auch seinen zweiten Elfmeter sicher links unten – 2:0 für Deutschland. Doch Italiener Castiglione lässt sich nicht beeindrucken. Er verwandelt seinen zweiten Schuss ganz locker links oben. Italien verkürzt auf 1:2.

David Lohmann pariert Starks schuss ganz stark

Bei Elfmeter Nummer fünf kommt plötzlich der erste große Auftritt von David Lohmann: Der Schlussmann pariert den halbhoch rechts anvisierten Elfmeter von Stark ganz stark. Die Chance für Italien zum Ausgleich? Ja! Castiglione verlädt Lohmann, trifft links unten und markiert das 2:2. Alles wieder offen.

 Italiener aus Delmenhorst fiebern Deutschland-Spiel entgegen

Plötzlich scheinen beide Schützen ihren Rhythmus gefunden zu haben. Stark trifft rechts unten und durch die Mitte, Castliglione links unten und dann ebenfalls durch die Mitte. Zwischenstand nach zehn Elfmetern zwischen Deutschland und Italien? 4:4. Das heißt: Ab jetzt könnte nach jeder Runde eine Entscheidung fallen.

Marco Castiglione flucht über die „italienische Bahnschranke“ im Tor

Die nervliche Belastung macht sich auch bei den Spielern bemerkbar. Ihnen rinnt der Schweiß von der Stirn, die Anspannung steigt, es knistert förmlich zwischen allen drei Protagonisten. Es ist ein Elfmeter-Krimi wie ihn selbst Regie-Legende Alfred Hitchcock wohl kaum besser hätte inszenieren können. Angesichts der Chancenlosigkeit von Torwart Lohmann bei den letzten zwei Elfmetern von Stark flucht Castiglione in Richtung des Schlussmannes: „Du fällst wie eine italienische Bahnschranke.“ Oder anders formuliert: Lohmann fällt verdammt langsam.

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Christian Stark scheinen diese verbalen Scharmützel nicht zu interessieren. Elfmeter Nummer elf verwandelt der Rechtsfuß ganz sicher unten links – 5:4 für Deutschland. Das heißt: Castiglione muss treffen, sonst trifft Italien das Viertelfinal-Aus. Der Gymnasiallehrer läuft an, schießt mit rechts nach links unten und dort in die Arme des sensationell reagierenden David Lohmann. Der Elfmeter-Thriller ist Aus. Deutschland schlägt Italien im Drama von Delmenhorst mit 5:4!

Castiglione flucht, wirkt konsterniert und sucht Trost bei Tochter und Vater. In der bitteren Stunde der Niederlage zeigt Castiglione beim dk-EM-Orakel aber auch Größe: „Deutschland hat verdient gewonnen.“ Es ist ein Satz, den Millionen deutsche Fußball-Fans am Samstagabend nach Schlusspfiff auch gerne hören würden.