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Vielseitigkeitsreiten Anne-Kristin Freese mischt als Amateurin bei Profis mit

Von Lars Pingel | 29.09.2016, 23:17 Uhr

Die Vielseitigkeitsreiterin Anne-Kristin Freese vom RV Ovelgönne ist als Amateursportlerin in der Drei-Sterne-Prüfung in Luhmühlen gestartet. Ihre Karriere begann auf dem Gelände des Stalls Auffarth in Bergedorf.

Ein kleines Wettrennen am Strand von Cuxhaven hat Anne-Kristin Freese und Fame vor einigen Jahren auf die Idee gebracht; wenig später wurde daraus auf der Geländestrecke des Stalls Auffarth in Bergedorf, im Frühjahr 2009, ihre Leidenschaft: die Vielseitigkeit. In dieser Disziplin mischt die Amateurreiterin vom RV Ovelgönne mit ihrer 14-jährigen Stute inzwischen kräftig in den Wettbewerben der Profis mit. In einem ging Mitte Juni 2016 ein Traum in Erfüllung, war aber früher zu Ende, als erhofft. Das Duo startete in der internationalen Drei-Sterne-Prüfung in Luhmühlen. Vor dem abschließenden Springen entschied sich Freese, Fame zurückzuziehen. „Sie hatte sich auf dem Weg vom Anhänger zum Verfassungscheck vertreten, als sie von der asphaltierten Straße in den Grünstreifen am Rand kam“, erzählt sie. Trotzdem, die Erinnerung bringt sie ins Schwärmen. „Einmal in diesem Stadion geritten zu sein und die Stimmung auf der Geländestrecke erlebt zu haben, das war unglaublich.“

Im Wettbewerb mit Olympia-Teilnehmern

Freese und Fame schlugen sich in der Lüneburger Heide prächtig. „Die Dressur war so gut“, sagt die Reiterin. Mit 59,60 Minuspunkten waren sie nach der ersten Teildisziplin auf Rang 36 der 44 Starter, darunter einige Reiter, die im August bei den Olympischen Spielen antraten. Das galt, zum Beispiel, für die spätere Siegerin und Deutsche Meisterin Sandra Auffarth vom RV Ganderkesee mit ihrem Opgun Louvo und Ingrid Klimke (Münster, 2.) mit Horsware Hale Bob, die in Brasilien Team-Silber gewannen.

Lob von Bundestrainer Hans Melzer

In Luhmühlen verteidigte Freese ihren 36. Platz im Gelände. Ein Vorbeiläufer in einem Teich kostete sie den Sprung nach vorn. „Ich habe einen Fehler gemacht“, sagt sie. „Ich hatte die Zügel ein bisschen kurz.“ Das brachte ihr 20 Strafpunkte ein und kostete viel Zeit. Für das Überschreiten der vorgegebenZeit kamen weitere 19,60 Zähler hinzu. Ein Kompliment von Bundestrainer Hans Melzer gab es dennoch. „Er hat gesagt, dass das es eine gute Runde war“, erzählt Freese.

Sieben Jahr zuvor war Freese mit ihrer Stute und Freuden mit deren Pferden am Nordseestrand entlang geritten. Spontan kam es zum Wettkampf. „Das kleinste Pferd war am schnellsten“, erzählt Freese grinsend: Fame. Eine Freundin verpackte ein Kompliment in wenig schmeichelhafte Worte: „Wie kann ein so kleines dickes Pferd so schnell laufen?“

Am Ende des Tages stand aber eher die Frage, ob Fame doch Spaß am Sport hat. Dass die Stute über gute Grundgangarten verfügt, hatte Freese während der Ausbildung gemerkt, in der sie mit ihr im Grunde nur in der Dressur gearbeitet hatte. Springen war nichts für Fame. Bis dahin. Denn Freese unternahm kurz nach dem Tag in Cuxhaven einen weiteren, letzten Versuch. Fame war begeistert. Auf dem Platz des heimischen Hofes übersprang sie ein niedriges Hindernis und wäre, wenn sie nicht gebremst worden wäre, wohl auch über den Zaun gehüpft. Die Konsequenz zog Freeses Zwillingsschwester Frederike von Waaden: „Fame hat sich für den Sport entschieden.“

Anne-Kristin Freese macht Ausbildung zur Pferdewirtin

Freese und ihre Schwester wuchsen mit Pferden auf. „Mein Uropa hatte ein Fuhrwerksunternehmen. Meine Oma und mein Opa haben gezüchtet; mein Vater hat gezüchtet“, erzählt sie. Mit dem Laufen begann das Reiten. „Als Kind habe ich jede freie Minute auf einem Pony verbracht“, erzählt Freese. Sie startete mit Ponys, später mit Pferden, erfolgreich in Turnieren. Klar, Freese und ihre Schwester wollten Reiten zu ihrem Beruf machen. Doch die Familie bestand darauf, „dass wir erst etwas Ordentliches lernen.“ So wurden die Schwestern Kindergärtnerinnen, ehe Anne-Kristin Freese bei Hans-Hermann Engelmann in Bissendorf auch die Ausbildung zur Pferdewirtin mit Schwerpunkt Reiten absolvierte. Freese kehrte auf den Hof ihrer Eltern zurück; sie schloss noch eine Ausbildung zur Kinderpflegerin ab. Inzwischen arbeitet sie ganztags für die RWG Wesermarsch. Die Freizeitgestaltung erinnert daher an die Kindertage. Fast jede freie Minute wird mit Pferden verbracht.

Fame kämpft immer mit

Freese gibt beim RV Ovelgönne Reitunterricht. Die meiste Zeit widmet sie aber Fame. Vor der Arbeit geht es im Schritt über sechs bis sieben Kilometer, abends wird sie geritten oder longiert. Unterstützt wird Freese von Freundinnen, die, zum Beispiel, die Aqua-Jogging-Einheiten in der nahen Weser übernehmen. „Wir machen viel Gute-Laune-Training“, sagt Freese.

Fame ist sensibel, sagt die Reiterin über die Stute. Und unkompliziert. „Und in den Prüfungen kämpft sie immer mit.“ Deshalb sei es möglich geworden, dass sie in Luhmühlen starteten. „Ich hätte nie gedacht, dass wir so weit kommen“, sagt Freese. „Wir haben aber mit den Jahren viele Erfahrungen gemacht, viel gelernt. Wir sind wirklich zusammengewachsen.“ Freese weiß, dass sie sich immer auf Fame verlassen kann, und sie spürt, dass sich Fame auf sie verlässt. „Man ist dem Pferd unendlich verbunden, ist ihm dankbar“, sagt sie. Das Gefühl „ist gigantisch“.

Schnell, viel Vorwärtsdrang und springfreudig. Passt zur Vielseitigkeit, fand die Ganderkeseer Trainerin Annekatrin Hoffman, als sie von Fames Wandlung hörte, und empfahl Freese das Geländetraining in Bergedorf. „Sie hat dort alles gemacht“, schwärmt Freese. Vielseitigkeit also.

Party nach Finale im CDV-Cup 2012

2009 und 2010 startete Freese auf A-Niveau (das niedrigste). 2011 ging es in L-Prüfungen. 2012 qualifizierte sich Freese mit Fame dann für das Finale des CDV-Cups, einem Förder-Wettbewerb des Clubs Deutscher Vielseitigkeitsreiter. Es wurde auf Ein-Stern-Niveau, also nach internationalen Vorgaben, in Bad Harzburg ausgetragen. „Ich habe gedacht, das ist das Highlight. Mehr geht nicht. Ich musste den FEI-Pass beantragen.“ Freese und Fame platzierten sich. „Danach haben wir eine dicke Party gefeiert.“

Weitere folgten, denn es ging doch mehr. „Ich wusste ja jetzt, wie das mit dem Nennen geht“, sagt Freese grinsend. 2013 ritt sie weitere Ein-Stern-Wettbewerbe. 2014 ging es in die Zwei-Sterne-Prüfungen. Freese wurde, als beste Weser-Ems-Starterin, Siebte der DM der Amateure. Doch Fame und Freese steigerten sich weiter. 2015 ritten sie Marbach in einer Drei-Sterne-Konkurrenz (zweithöchste Schwierigkeit). „Das muss mit dem Bundestrainer abgestimmt sein. Man muss einen Antrag bei der Reiterlichen Vereinigung stellen.“

Zweiter Start in Luhmühlen möglich

Im zurückliegenden Juli erfüllte sich Freese mit Fame schließlich den großen Traum: Sie startete mit ihrer Oldenburger Stute in Luhmühlen. Ein großer Fanclub vom RV Ovelgönne feierte sie und Fame dort kräftig, sodass Enttäuschung über das Ausscheiden nicht aufkommen konnte, sondern nur Stolz auf das Erreichte. Trotzdem: „Ich würde es im nächsten Jahr schon gerne noch einmal versuchen“, sagt Freese. Das entscheidet aber Fame. Wenn sie fit ist, werden Freese und sie ein zweites Mal in diesem Stadion reiten. Lust auf weitere Wettrennen am Strand von Cuxhaven hätten die beiden aber auch.