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Zukunftsangst Stadtteilklubs wie der Adelheider TV haben es schwer

Von Daniel Niebuhr | 21.12.2015, 23:00 Uhr

Der Adelheider TV kämpft im Delmenhorster Süden ums Überleben. Vorsitzender Kretschmer schlägt Alarm: „Ich weiß nicht, ob es uns in zehn Jahren noch gibt“.

Es gab in diesem Jahr einen guten Grund zum Feiern beim Adelheider Turnverein von 1907. Anfang April schaffte die erste Tischtennis-Mannschaft durch ein 9:6 gegen den Delmenhorster TV III nach sechs Jahren den Aufstieg in die 2. Kreisklasse; ein auf den ersten Blick bescheiden anmutender Erfolg, auf den Klubchef Wolfgang Kretschmer aber trotzdem stolz ist. Er spielt in diesem Team ja schließlich auch an Position vier. Und immerhin liegt das Durchschnittsalter der Adelheider bei weit über 60 Jahren.

Ungewisse Zukunft

2015 war also kein gänzlich missratenes Jahr für den Stadtteilverein aus dem Delmenhorster Süden, auch wenn sich Kretschmers Fazit ein wenig danach anhört. „Sehr schlecht“, sei einiges gelaufen für seinen Klub, meint der Vorsitzende – und sagt erschreckend offen: „Ich bin mir nicht sicher, wie die Zukunft aussehen wird – und ob es unseren Verein in zehn Jahren in dieser Form noch gibt.“

Viele kleine Vereine betroffen

Die Adelheider, das ist offensichtlich, plagen viele Probleme, einige davon sind symptomatisch für die schwere Situation, in denen sich kleine Vereine inzwischen befinden. Mitte des Jahres musste die Fußball-Abteilung ihre einzige Herrenmannschaft zurückziehen, eine Spielgemeinschaft mit dem TV Jahn rettete den Spielbetrieb immerhin teilweise. „Das war ein harter Schlag“, bekennt Kretschmer, „denn ohne Fußball hat ein Verein heutzutage keine Chance mehr.“ Die Aufmerksamkeit richte sich fast vollständig auf diesen Sport, die Fußballer sind für viele Klubs auch Werbeträger geworden. Immerhin deutet inzwischen einiges darauf hin, dass Adelheide künftig – zusätzlich zur SG mit Jahn – wieder ein eigenes Team stellen kann. „Zu 90 Prozent klappt das“, meint der Vorsitzende.

SV Atlas II bringt Fans auf die Anlage

Ironischerweise werden in Adelheide in dieser Saison dennoch Zuschauerrekorde aufgestellt – aber nicht vom ATV. Die zweite Mannschaft des SV Atlas kickt als Gast ebenfalls auf der Anlage und bringt teilweise bis zu 150 Fans mit. „Das hatten wir hier noch nie. Für uns ist das fast schon zu viel“, sagt Kretschmer.

Verein sieht sich auch als Dienstleister

Die Atlas-Gastspiele taugen aber nur bedingt als Reklame. Die Mitgliedergewinnung ist ohne Zweifel ein zäheres Geschäft denn je, besonders, wenn man – wie Adelheide – geostragetische Nachteile hat. Zu weit außerhalb sei sein ATV, klagt Kretschmer „viele haben uns nicht auf dem Radar“. 140 Turnern, Fußballern und Tischtennisspielern steht er – nach Stand vom Anfang des Jahres – noch vor. Mitte der 90er hatte Adelheide aber einmal fast 400 Mitglieder. „Die Zeiten haben sich geändert. Früher war man automatisch im Verein um die Ecke, jetzt bekommen die Leute ihren Hintern nicht mehr vom Sofa hoch“, sagt Kretschmer, der sich mittlerweile auch als Dienstleister sieht – und sehen muss. Die Fitness-Kurse, die sein Verein anbietet, kämen gut an, berichtet er – „für unsere Verhältnisse“. Trotzdem käme ihm der Adelheider TV manchmal vor „wie ein aussterbender Verein“.

Vorsitzender macht Werbung

Es wird ihn kaum beruhigen, dass auch andere Klubs schwer zu kämpfen haben. Die Mitgliederzahl des TV Deichhorst fiel zuletzt auf 685, ein Tiefststand in den letzten 15 Jahren. Der VSK Bungerhof hielt im vergangenen Jahr immerhin seine 239 Mitglieder.

Wie es weitergeht, 2016 und darüber hinaus, weiß zumindest in Adelheide niemand so genau. Er mache sich Sorgen, sagt Kretschmer und wirbt gleichzeitig für seinen Klub: „Wir sind ein gemütlicher Verein, in dem man sich wohlfühlt. Jeder, der zu uns kommt, ist willkommen.“ Nur mit der Tischtennis-Mannschaft sollte man sich offensichtlich lieber nicht anlegen.